Prächirurgische Epilepsiediagnostik

Prächirurgische Epilepsiediagnostik

Ablauf

Prinzipiell besteht bei bestimmten Formen der Epilepsie und bei bestimmten Patienten die Möglichkeit eines chirurgischen Eingriffes. Solch ein Eingriff hat das Ziel, den Bereich, von dem die epileptischen Anfälle ausgehen, gezielt zu entfernen. Bereiche des Gehirns, die für wichtige Funktionen wie zum Beispiel Gedächtnis, Sprache oder Bewegung zuständig sind, müssen dabei natürlich unbedingt geschont werden. Ziel ist eine bleibende Anfallsfreiheit oder zumindest eine spürbare Reduktion der Anfälle, ggf. mit der Möglichkeit, die antiepileptischen Medikamente reduzieren oder vielleicht sogar ganz absetzen zu können.

Um zu klären, ob eine Operation möglich und erfolgsversprechend ist, müssen verständlicherweise viele relativ aufwendige Untersuchungen durchgeführt werden. Das Gehirn ist das komplizierteste Organ des menschlichen Körper und kann von Mensch zu Mensch zum Teil sehr unterschiedlich sein. Bevor man sich zu einer Operation entschließt müssen also alle Fragen der Diagnostik im Rahmen eines sog. Video-EEG-Monitoring optimal beantwortet werden. Ein Patentrezept gibt es daher nicht - das im nachfolgenden beschriebene Vorgehen ist insofern ein für jeden Patienten individuelles Untersuchungsprogramm.

Wenn eine prächirurgische Epilepsiediagnostik mit Ihnen besprochen wurde, heißt dies für Sie:

Flexibilität - wir haben leider eine lange Warteliste für unser sog. Video-EEG- Monitoring und versuchen von unserer Seite das Möglichste, um eine schnelle Versorgung zu gewährleisten. Dies bedeutet aber auch, daß wir Sie sehr kurzfristig über einen Termin informieren werden - in der Regel 3-4 Tage vorher. Feste Terminabsprachen sind in Ausnahmen und bei komplizierten Fragestellungen möglich und werden individuell vorgenommen.

Geduld - die Untersuchungen müssen gründlich erfolgen und brauchen Zeit. Das weitere Vorgehen wird nur selten innerhalb von Tagen entschieden werden. Auch nach dem Video-EEG- Monitoring werden Sie zunächst weiterhin Ihre Medikamente benötigen, damit in Ruhe über ein mögliches operatives Vorgehen entscheiden werden kann! Dabei versuchern wir, alle Ihre Fragen und die Fragen Ihrer Angehörigen ausführlich zu beantworten. Auch nach einer Operation werden die Medikamente in der Regel noch etwa ein Jahr belassen, bevor über eine Reduktion oder eine Fortsetzung der Medikamente entschieden wird.

Phase 1

Zeitpunkt...

...wenn sich abzeichnet, daß die Epilepsie nicht durch Medikamente in den Griff zu bekommen ist, z.B. nachdem bereits 2 einzelne, gut geeignete Medikamente in ihrer Dosis bis zur Verträglichkeitsgrenze gesteigert wurden. Rechnen Sie bitte mit bis zu 2 Wochen stationären Aufenthalts.

Folgende Untersuchungen werden durchgeführt:

Langzeit-Video-EEG mit Oberflächenelektroden. Hierzu werden die Ihnen aus dem Routine- EEG bekannten Elektroden mit einem Spezialkleber fest auf der Kopfhaut befestigt. Ggf. werden einige weitere Elektroden zusätzlich angebracht. Damit wird rund um die Uhr das EEG aufgezeichnet. Eine Video-Kamera ist den ganzen Tag auf Sie gerichtet mit dem Ziel, einen epileptischen Anfall bei Ihnen aufzuzeichnen. Wir erhalten auf diese Weise wichtige Informationen über den Ablauf der Anfälle und der zeitgleichen Änderungen im EEG. Meistens werden die Medikamente für die Zeit des Aufenthalts reduziert, um die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Anfällen zu erhöhen und ihren Aufenthalt bei uns so kurz wie möglich zu gestalten.

Kernspintomographie-Untersuchung des Kopfes, ggf. mit Spezialaufnahmen der vermutlich betroffenen Region.

Neurolite-SPECT Untersuchung: eine schwach radioaktive Substanz wird Ihnen in eine Vene gegeben. Mit einer speziellen Kamera wird die Anreicherung dieser Substanz im Gehirn gemessen. Eine fehlende Anreicherung spricht für Gebiete, die funktionseingeschränkt sind, so daß weitere Hinweise auf geschädigte Gebiete im Gehirn gewonnen werden können.

Neuropyschologische Testung: Neuropyschologische Testung: eine Reihe von spezifischen Tests werden durchgeführt, die z.B. die Gedächtnisleistung testen. Da ganz bestimmte Gebiete des menschlichen Gehirns gezielte Aufgaben übernehmen, kann bei einer Leistungsminderung in einem bestimmten Aufgabenbereich auf den vermutlich geschädigten Teil des Gehirns rückgeschlossen werden.

Phase 2

Zeitpunkt...

... bei einigen Patienten zur Vervollständigung der Phase I Diagnostik. Rechnen Sie bitte mit bis zu 3 Wochen stationären Aufenthalt. Da zwei Operationen nötig sind (Einsetzen und Entfernen der Elektroden), verlängert sich die Aufenthaltszeit in der Klinik in der Regel im Vergleich zur Phase I-Diagnostik.

Folgende Untersuchungen werden durchgeführt:

Langzeit-Video-EEG mit invasiven Elektroden: Eine Operation ist notwendig, um Ihnen Elektroden näher an das Gehirn zu legen. Es gibt verschiedenste Formen dieser Elektroden. Die gängigsten werden entweder flach auf das Gehirn in Form einer flexiblen Kunststoffplatte gelegt oder in Form eines dünnen Drahtes mit Hilfe einer Punktionsnadel unter das Gehirn geschoben (Foramen ovale Elektroden). Durch die räumliche Nähe zum Gehirn ohne den knöchernen Schädel zwischen Gehirn und Elektroden können so Ereignisse aufgezeichnet werden, die der Phase I entgangen sind und man kann ggf. viel genauer Aussagen über die Lokalisation der epileptischen Herdes machen. Die erwähnten Operationen sind für erfahrene Neurochirurgen Routineeingriffe und sind mit einem nur geringen Risiko behaftet.

Kernspintomographie-Untersuchung des Kopfes, wenn längere Zeit seit der ersten Untersuchung vergangen ist.

Neuropsychologische Testung, wenn längere Zeit seit der ersten Testung vergangen ist.

Ggf. WADA-Test, bei dem durch ein kurzwirksames Medikament (über einen Katheter gegeben) gezielt Gebiete des Gehirns betäubt werden können. Für einige Minuten sind die Gehirnfunktionen dieses Gebietes ausgeschaltet, so daß eine direkte Kontrolle am wachen Patienten erfolgen kann. Darüber ist die individuelle Seitenverteilung wichtiger Hirnfunktionen untersuchbar und die Auswirkungen einer Operation abschätzbar.

Ggf. elektrische Kortexstimulation: Die oben erwähnten Plattenelektroden bieten die Möglichkeit, ganz präzise durch elektrische Reizung einzelner Elektroden auf dieser Platte z.B. die für die Sprache wichtigen Funktionsareale von krankhaft veränderten Gebieten abzugrenzen. Diese Informationen benötigt der Neurochirurg, um gesunde Bereiche zu schützen und bei einem etwaigen Eingriff auszusparen.

Iktales SPECT: Die oben beschriebene Unterscuhung kann auch erfolgen, wenn IN einem Anfall das radioaktive Kontrastmittel gegeben wird, das reichert sich dann spezifisch in dem epileptischen Herd an, der damit besser abgegrenzt werden kann.

Das PET ist eine weitere Methode, die Funktionen des Gehirns in Hinblick auf die Veränderungen bei der Epilepsie zu untersuchen, und wird in Kürze auch in Göttingen verfügbar sein.