Prächirurgische Epilepsiediagnostik

Prächirurgische Epilepsiediagnostik

Ablauf

Prinzipiell besteht bei bestimmten Formen der Epilepsie und bei bestimmten Patienten die Möglichkeit eines chirurgischen Eingriffes. Solch ein Eingriff hat das Ziel, den Bereich, von dem die epileptischen Anfälle ausgehen, gezielt zu entfernen. Bereiche des Gehirns, die für wichtige Funktionen wie zum Beispiel Gedächtnis, Sprache oder Bewegung zuständig sind, müssen dabei natürlich unbedingt geschont werden. Ziel ist eine bleibende Anfallsfreiheit oder zumindest eine spürbare Reduktion der Anfälle, ggf. mit der Möglichkeit, die antiepileptischen Medikamente reduzieren oder vielleicht sogar ganz absetzen zu können.

Um zu klären, ob eine Operation möglich und erfolgsversprechend ist, müssen viele relativ aufwendige Untersuchungen durchgeführt werden. Das Gehirn ist das komplizierteste Organ des menschlichen Körper und kann von Mensch zu Mensch zum Teil sehr unterschiedlich sein. Bevor man sich zu einer Operation entschließt müssen also alle Fragen der Diagnostik im Rahmen eines sog. Video-EEG-Monitoring optimal beantwortet werden. Ein Patentrezept gibt es daher nicht - das im nachfolgenden beschriebene Vorgehen ist insofern ein für jeden Patienten individuelles Untersuchungsprogramm.

Wenn eine prächirurgische Epilepsiediagnostik mit Ihnen besprochen wurde, heißt dies für Sie:

Flexibilität - wir haben leider eine lange Warteliste für unser sog. Video-EEG-Monitoring und versuchen von unserer Seite das Möglichste, um eine schnelle Versorgung zu gewährleisten. Die medizinische Dringlichkeit ist dabei der wichtigste Faktor, danach wird nach Wartezeit vergeben. In der Regel planen wir die Termine mit 2-4 Wochen Vorlauf. Manchmal ergibt sich aber auch kurzfristig eine Option, etwa wenn ein eigentlich geplanter Patient absagt oder früher entlassen werden kann. Diese Termine werden dann kurzfristig mit wenigen Tagen Vorlaufzeit vergeben, manchmal sogar für den nächsten Tag. D.h. je flexibler Sie mit der Aufnahme sind, desto schneller kann ein Termin gefunden werden.

Geduld - die Untersuchungen müssen gründlich erfolgen und brauchen Zeit. Auf das Auftreten von Anfällen lässt sich nicht immer gut vorhersehen, manchmal gelingt dies in wenigen Tagen, manchmal sind 2 Wochen und Provokationsmaßnahmen notwendig. Das weitere Vorgehen wird nur selten innerhalb von Tagen entschieden werden. Auch nach dem Video-EEG- Monitoring werden Sie zunächst weiterhin Ihre Medikamente benötigen, damit in Ruhe über ein mögliches operatives Vorgehen entscheiden werden kann. Dabei versuchen wir, alle Ihre Fragen und die Fragen Ihrer Angehörigen ausführlich zu beantworten. Auch nach einer Operation werden die Medikamente in der Regel noch einige Zeit belassen, bevor über eine Reduktion oder eine Fortsetzung der Medikamente mit Ihnen diskutiert wird.

Phase 1

Zeitpunkt ...

... wenn sich abzeichnet, dass die Epilepsie nicht durch Medikamente kontrollierbar ist. Dies ist dann der Fall, wenn mindestens zwei geeignete Medikamente in ausreichender Dosis eingenommen wurden aber nicht zur Anfallsfreiheit geführt haben. Rechnen Sie bitte mit bis zu 2 Wochen stationären Aufenthalts.

Folgende Untersuchungen werden durchgeführt:

EEG-Überwachungsstation 6024

Langzeit-Video-EEG mit Oberflächenelektroden. Hierzu werden die Ihnen aus dem Routine- EEG bekannten Elektroden mit einem Spezialkleber auf der Kopfhaut befestigt. Ggf. werden einige weitere Elektroden zusätzlich angebracht. Damit wird rund um die Uhr das EEG aufgezeichnet. Eine Videokamera ist den ganzen Tag auf Sie gerichtet mit dem Ziel, mindestens einen (besser mehrere) epileptischen Anfall bei Ihnen aufzuzeichnen. Wir erhalten auf diese Weise wichtige Informationen über den Ablauf der Anfälle und der zeitgleichen Änderungen im EEG. Meistens werden die Medikamente für die Zeit des Aufenthalts reduziert und ggf. auch ganz pausiert, um die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Anfällen zu erhöhen und ihren Aufenthalt bei uns so kurz wie möglich zu gestalten.

Kernspintomographie-Untersuchung des Kopfes, ggf. mit Spezialaufnahmen der vermutlich betroffenen Region.

high-density EEG: bei der „normalen“ EEG-Ableitung werden meist 24-30 EEG-Kanäle/Elektroden verwendet. Wir haben als eines der wenigen Zentren in Deutschland die Möglichkeit, Epilepsie-Aktivität mit einen high-density EEG d.h. mit ca. der 10-fachen Elektrodendichte abzuleiten (256 Kanäle). Damit ist es möglich, den Ursprung diese EEG-Muster sehr viel präziser zu lokalisieren, als mit dem Standard-EEG. Die Ableitung erfolgt mit einer Spezialhaube, die entweder kleine wassergetränkte Schwämmchen oder Elektrodennäpfe mit Kontaktpaste enthält. Der genaue Zeitpunkt der Untersuchung und die Ableitedauer (2-24 h) hängt davon ab, wie häufig und wann die Epilepsie-Aktivität bei Ihnen auftritt und wird während des Aufenthaltes festgelegt.

FDG-PET Untersuchung: ein schwach radioaktiver Zucke (Glukose) wird Ihnen in eine Vene gegeben. Mit einer speziellen Kamera wird die Anreicherung dieser Substanz im Gehirn gemessen. Eine fehlende Anreicherung spricht für Gebiete, die funktionseingeschränkt sind, so dass weitere Hinweise auf geschädigte Gebiete im Gehirn gewonnen werden können.

Neuropsychologische Testung: eine Reihe von spezifischen Tests werden durchgeführt, die z.B. die Gedächtnisleistung testen. Da ganz bestimmte Gebiete des menschlichen Gehirns gezielte Aufgaben übernehmen, kann bei einer Leistungsminderung in einem bestimmten Aufgabenbereich auf den vermutlich geschädigten Teil des Gehirns rückgeschlossen werden. Diese Aufgaben decken das gesamte, übliche Leistungsspektrum ab. D.h. manche sind sehr leicht, andere sehr schwer. Es ist normal, dass Sie mindestens bei einigen Aufgaben auch Fehler machen werden.

Phase 2

Zeitpunkt ...

... bei einigen Patienten zur Vervollständigung der Phase I Diagnostik. Rechnen Sie bitte mit bis zu 3 Wochen stationären Aufenthalt. Da zwei Operationen nötig sind (Einsetzen und Entfernen der Elektroden), verlängert sich die Aufenthaltszeit in der Klinik in der Regel im Vergleich zur Phase I-Diagnostik.

Folgende Untersuchungen werden durchgeführt:

Langzeit-Video-EEG mit invasiven Elektroden: Eine Operation ist notwendig, um Ihnen Elektroden näher an das Gehirn zu legen. Es gibt verschiedenste Formen dieser Elektroden. Bei uns werden in der Regel Tiefenelektroden verwendet. Diese werden durch kleine Bohrlöcher (etwa Durchmesser einer Kugelschreiber-Mine) stereotaktisch ins Gehirn eingebracht. Die Elektroden selbst sind dünne Drähte mit 0,8 mm Durchmesser, d.h. etwa so dick wie die Mine eines Druckbleistifts. Durch exakte Planung können sie fast alle Bereiche des Gehirns zielgenau abgeleitet werden. Dabei werden in der Regel mehrere solche Elektroden eingebracht, üblichen Zahlen sind 3 – 20. Alternativ können auch so genannte subdurale Elektroden sinnvoll sein, diese werden flach auf das Gehirn in Form einer flexiblen Kunststoffplatte gelegt. Mit diesen Techniken können Ereignisse aufgezeichnet werden, die der Phase I entgangen sind und man kann ggf. viel genauer Aussagen über die Lokalisation der epileptischen Herde machen. Die erwähnten Operationen sind für erfahrene Neurochirurgen Routineeingriffe und sind mit einem nur geringen Risiko behaftet.

Kernspintomographie-Untersuchung des Kopfes, wenn längere Zeit seit der ersten Untersuchung vergangen ist.

Neuropsychologische Testung, wenn längere Zeit seit der ersten Testung vergangen ist.

Elektrische Stimulation: Die oben erwähnten Elektroden bieten die Möglichkeit, ganz präzise durch elektrische Reizung einzelner Elektroden z.B. die für die Sprache wichtigen Funktionsareale von krankhaft veränderten Gebieten abzugrenzen. Diese Informationen benötigt der Neurochirurg, um gesunde Bereiche zu schützen und bei einem etwaigen Eingriff auszusparen.

Ggf. WADA-Test, bei dem durch ein kurz wirksames Medikament (über einen Katheter gegeben) gezielt Gebiete des Gehirns betäubt werden können. Für einige Minuten sind die Gehirnfunktionen dieses Gebietes ausgeschaltet, so dass eine direkte Untersuchung am wachen Patienten erfolgen kann. Darüber ist die individuelle Seitenverteilung wichtiger Hirnfunktionen untersuchbar und die Auswirkungen einer Operation abschätzbar.

Was dann?

Nach Abschluss des Phase-1 oder Phase-2 Untersuchungen stellen wir alle Ergebnisse der verschiedenen Untersuchungen zusammen und diskutieren diese in der monatlichen Fallkonferenz mit den Experten der verschiedenen Fachbereiche. Dies umfasst immer mehrere Neurologen/Epileptologen, Neurochirurgie, Neuropsychologie und Neuroradiologie sowie ggf. weitere Fachdisziplinen. Aufgrund der Vielzahl der Untersuchungen und Befunde nimmt diese meist mehrere Wochen in Anspruch. Wir klären dann, ob eine OP in Frage kommt, ob weitere Untersuchungen (z.B. eine Phase-2 Untersuchung) nötig sind und welche Risiken eine OP für Sie hätte. Sie und Ihr behandelnder Arzt (wenn Sie der Weiterleitung gestimmt haben) erhalten dann ein Bericht mit einer Empfehlung. Wir werden Ihnen und ggf. gerne auch Angehörigen / Freunden / Bezugspersonen diese Empfehlung und die nächsten Schritte während eines persönlichen Gesprächs in der Ambulanz erläutern.